Big Tree Trail auf Meares Island
„Einfach anrufen, wenn ich euch abholen soll“, sagte der Skipper und löste die Leinen. „Hat es hier draußen überhaupt Netz?“, fragte ich, während ich noch nach meinem Handy suchte. „Wenn du drüben im Ort Netz hattest, hast du es hier auch. Bis später und viel Glück.“ Schon hatte das Boot abgelegt und nahm Kurs zurück auf Tofino. Die Überfahrt hierher mit dem Wassertaxi war so kurzweilig gewesen, dass sich die Frage nach der Abholung bis eben gar nicht gestellt hatte. Der Weg durch den Clayoquot Sound führte vorbei an kleinen Inselchen und als Zugabe bekamen wir einen nistenden Seeadler aus nächster Nähe zu sehen. Unterwegs erzählte der Skipper von der Geschichte der Insel und ihrer Bedeutung für die Tla-o-qui-aht First Nation, auf deren angestammtem Gebiet wir nun standen.
Gleich am Anfang des Big Tree Trail begrüßt ein handgeschnitztes Holzschild die Besucher auf „Hiłḥuuʔis“, wie Meares Island in der Sprache der Tla-o-qui-aht heißt. Dass es diesen uralten Regenwald überhaupt noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Am 21. April 1984 erklärte die First Nation die Insel nach indigenem Recht zum ersten ihrer inzwischen vier Tribal Parks und stoppte damit den geplanten Holzeinschlag. Hinter dem Schild schließt sich der Wald um einen und man betritt eine Welt, über der eine sanfte Ruhe liegt. Gewaltige Zedern ragen in den Himmel und viele von ihnen haben schon mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel. Besonders beeindruckend ist der allgegenwärtige Kreislauf aus Werden und Vergehen. Irgendwann stürzen die alten Riesen um und auf ihren Stämmen keimt neues Leben. Junge Bäume wurzeln auf dem modernden Holz und Moose überziehen jeden Ast. Alles ist hier eng miteinander verwoben. Die Tla-o-qui-aht nennen es „Hišukiš čawaak“, was so viel bedeutet wie „alles ist eins“. Selbst die Holzstege, auf denen man sich fortbewegt, wurden aus gefallenen Bäumen gefertigt. Der Wald liefert also sogar den Weg durch sich selbst.
Der Pfad durch diesen Urwald ist gut gekennzeichnet und trotzdem empfindet man die Wanderung als kleines Abenteuer. Mal klettert man über einen quer liegenden Baumstamm, mal durchquert man einen Tunnel tief hängender Äste und sucht hinterher nach dem nächsten Markierungsband, das den Weg weist. Ein echtes Highlight des Weges ist der Tree of Life. Der Name ist Programm, denn die Western Red Cedar heißt im Deutschen eigentlich Riesen-Lebensbaum. Sein Alter wird auf über 1000 Jahre geschätzt. Ein Holzsteg zweigt vom Hauptweg ab und führt direkt zu ihm, sodass man diesem König der Bäume seine Aufwartung machen kann. Niederknien muss man dazu übrigens nicht. Der Baum ist so riesig, dass man sich neben ihm auch im Stehen winzig vorkommt.
Meares Island ist von einem dichten Grün überspannt. Das verstärkt nicht nur das Gefühl, von der Außenwelt abgeschottet zu sein, sondern hat auch fotografische Vorteile. Das Licht wird angenehm gestreut. Ideale Bedingungen also für die Waldfotografie, bei der direktes Sonnenlicht wegen der harten Kontraste oft störend wirkt. Auch Motive boten sich in Hülle und Fülle. Neben den alten Bäumen war es vor allem der Weg, der sich als führende Linie zwischen ihnen hindurchschlängelte. In der Ferne verschwand er im Dickicht oder öffnete sich zu einer hellen Lichtung. Solche Linien und Übergänge wecken die Neugier und ziehen den Blick tief ins Bild hinein. Ein naheliegendes Gestaltungsmittel im Wald bieten Äste und Blätter im Vordergrund. Fotografiert man durch sie hindurch, erhält man natürliche Rahmen und kann damit die Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Element lenken, etwa einen mächtigen Stamm.
Am Ende des Tages sollte der Skipper recht behalten. Das Netz war erstaunlich gut und die Abholung problemlos arrangiert. Er selbst hatte übrigens auch großes Interesse an einem Wiedersehen. Bezahlt wurde er nämlich erst nach unserer Rückkehr in Tofino.

Lage & Anfahrt
Im Clayoquot Sound im Westen von Vancouver Island, Kanada. (Maps)
Fotomotive
Uralter Regenwald und einsame Pfade.
Beste Zeit zum Fotografieren
Zwangsläufig tagsüber, da man auf das Wassertaxi angewiesen ist.
Eingesetzte Fotoausrüstung
Kamera, Objektive von Weitwinkel bis Tele.
Tipps für Fotografen
Halte die Kamera schon auf der Überfahrt griffbereit.
Auf dem Trail solltest du viel Zeit einplanen, weil sich ein ganzes Sammelsurium an klassischen Gestaltungsmöglichkeiten anbietet.
Parken
Am besten direkt in der Olsen Road in Tofino (Maps). An deren Ende liegt das Pier, von dem aus das Wassertaxi startet.
Wegstrecke
Der Trail hat eine Länge von rund 4 km und wir haben dafür 3 Stunden benötigt.
Übernachten in der Nähe
In Tofino.
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