Garinish Island

1 September 2026

Die Seehunde auf den tangbewachsenen Felsen nehmen nur kurz Notiz vom langsam vorbeiziehenden Boot. An Bord hingegen bricht beim Anblick der an Land so schwerfälligen Meeresbewohner Euphorie aus. Sie scheinen zu gähnen, zu winken und gleich aus Versehen ins Wasser zu purzeln. Pure Comedy. Die Begegnung mit Seehunden ist fester Bestandteil einer Überfahrt nach Garinish und dennoch jedes Mal ein Highlight. Die Messlatte liegt also bereits hoch, bevor man einen Fuß auf die Insel gesetzt hat. Aber Garinish Island, das ebenfalls unter dem Namen Ilnacullin bekannt ist, legt mit seinen Gärten und der Sammlung an exotischen Pflanzen, Sträuchern und Bäumen noch eine Schippe drauf. Insbesondere, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich hierbei um einen kargen Felsen in der Bantry Bay handelte, ehe 1910 die Bryce-Familie mit einer Vision anrückte. Schon ein Jahr später wurde nach den Plänen des Landschaftsarchitekten und Gartendesigners Harold Ainsworth Peto mit der Arbeit begonnen, die erst einmal darin bestand, die Felsen mit fruchtbarem Boden zu überziehen. Mit der Ankunft des schottischen Gärtners Murdo Mackenzie nahm die Metamorphose der Insel dann so richtig Fahrt auf. In jahrzehntelanger, leidenschaftlicher Hingabe wuchs unter seiner Obhut ein Paradies heran, welches man so in Irland kein zweites Mal findet. Auch finanzielle Nöte der Bryce-Familie und die daraus resultierende Übergabe der Insel an den irischen Staat (1953) hielten ihn nicht von seiner Bestimmung ab. Mackenzie ging offiziell 1971 in den Ruhestand, lebte und arbeitete aber weiterhin auf der Insel, ehe er 1983 im Alter von 87 Jahren starb. Sein Vermächtnis ist eine Garteninsel, die bis heute bei jedem Besuch begeistert. Ich jedenfalls würde auf der Stelle auch ein elftes Mal hinüberschippern.

Seals in Bantry Bay at Garnish Island, Co. Cork, Ireland

Garinish Island ist gespickt mit zahlreichen Fotolocations. Das liegt nicht nur an all den Pflanzen, die dank eines vom Golfstrom begünstigten Mikroklimas hier so üppig gedeihen, sondern insbesondere an architektonischen Elementen, die Hand in Hand mit der Natur gehen. Stellvertretend hierfür steht der Italian Garden, der mit klassischen Elementen und eigentlich strenger Symmetrie spielend leicht mit der überbordenden Natur interagiert. Wenn man dieses Motiv erstmalig vor sich sieht, ist man geneigt, sich die Augen zu reiben und fragt sich unweigerlich, wo man falsch abgebogen ist. Es ist ganz und gar untypisch für Irland. Ciao e benvenuti in Italia.

Mich beeindrucken auch jedes Mal aufs Neue die archaisch wirkenden Baumfarne im Happy Valley (so heißt eine Senke auf der Insel und der liebevolle Name ist Programm). Ihnen scheint das Klima besonders gut zu bekommen und sie wachsen hier so hoch, dass sich auch ein Basketballprofi problemlos unterstellen könnte.

Happy Valley at Garinish Island, Co. Cork, Ireland

Auf der Insel wird klassisch aus der Hand fotografiert. Ein Stativ würde andere Besucher einschränken und Filter braucht es keine, gegebenenfalls hier und da einen Polfilter. Der Fokus liegt somit auf der Wahl des besten Standpunkts, um das Spektakel um einen herum optimal einzufangen. Bei den Baumfarnen habe ich beispielsweise eine Perspektive von schräg unten gewählt, um ihre Größe zu betonen und sie noch imposanter wirken zu lassen. Im Italian Garden habe ich mich mittig gegenüber dem Pavillon platziert, sodass alle Linien symmetrisch ins Bildzentrum laufen. Gleichzeitig achtete ich darauf, dass die Spiegelung der Figur im Teich sich nicht mit dem Bonsai davor überschneidet. Garinish ist eine wunderbare Location, in der man mit vielen solcher Details spielen kann und dadurch bessere Aufnahmen erhält, als wenn man einfach nur draufhält. Für Schnappschüsse sind bei der Überfahrt die Seehunde da.

Im neulich erschienenen Buch „Entrückt – Vom Leben auf Westirischen Inseln“ ist auch eine Reportage über Garinish Island mit meinen Fotografien zu finden, die sich mit der Wiederansiedlung von Seeadlern auf der Insel beschäftigt. Neben dem König der Lüfte hat es aber auch ein kleiner Piepmatz in die Bildstrecke geschafft: ein Rotkehlchen. Die Aufnahme entstand während eines Fotoworkshops und ihre Entstehungsgeschichte war so ungewöhnlich, dass ich sie an dieser Stelle gerne erzählen möchte.

Garinish Island (Ilnacullin, Garinish or Garnish) in the Bantry Bay, Co. Cork

Anfang Oktober 2019 wollte ich Teilnehmern eines Fotoworkshops demonstrieren, wie es mir zwei Wochen zuvor auf Garinish gelang, quasi aus dem Nichts ein Rotkehlchen anzulocken. Kaum begann ich zu zwitschern, blickte ich in ungläubige Augen – es passierte erneut. Ein neugieriges Rotkehlchen flatterte herbei, ließ sich dicht neben mir in Augenhöhe im Rhododendron-Dickicht nieder und antwortete aufgeregt auf mein Gezwitscher. Einige Minuten ging es so hin und her und ich war mindestens genauso verblüfft wie meine Mitstreiter, bei denen ich mir allerdings während dieses Intermezzos den Ruf eines formidablen Vogelflüsterers erarbeitete. Das Rotkehlchen kommunizierte nicht nur aktiv mit mir, sondern posierte dabei auch für die gesamte Fotogruppe.

An diesem Tag boten uns Seehunde auf der Überfahrt nach Garinish wunderschöne Motive und wir bekamen einen der auf der Insel lebenden Seeadler vor die Kamera. Doch als ich am Abend in die Runde die Frage stellte, welche Tiere sie heute am meisten begeistert hätten, so waren sich alle einig, dass die Begegnung mit dem Rotkehlchen das absolute Highlight war. Garinish erzählt nach wie vor seine ganz eigenen Geschichten – kleine und große.

Lage & Anfahrt

In der Bantry Bay bei Glengarriff, Co. Cork, Irland. (Maps)

Fotomotive

Subtropische Gärten auf der Insel, Seehund auf der Überfahrt uvm.

Beste Zeit zum Fotografieren

Möglichst früh während der Öffnungszeiten um möglichst lange Zeit auf der Insel verbringen zu können.

Eingesetzte Fotoausrüstung

Kamera, 14 – 24 mm für Panoramaaufnahmen und 24 – 70 mm für Details, Polfilter.

Tipps für Fotografen

Die Öffnungszeiten der Insel variieren während des Jahres (im Sommer ca. 10 Uhr bis 16:30 Uhr). Hier kannst du dich informieren.
Es gibt zwei Fährunternehmen, die Blue Pool Ferry und Harbour Queen Ferry, die zur Insel fahren. Zu berücksichtigen ist, dass man für Fähre und Eintritt auf der Insel getrennt bezahlen muss.

Parken

Entweder im Ort (Maps), wenn man mit der Blue Pool Ferry übersetzt. Oder am Hafen (Maps), wenn es die Harbour Queen sein soll.

Wegstrecke

Vom Parkplatz ist man gleich bei der Fähre. Auf der Insel benötigt man für eine gemütliche Umrundung ca. eine Stunde (2 km).

Übernachten in der Nähe

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Stefan Schnebelt

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