Sehen, verstehen, fotografieren
„Wie kann man das, was man vor sich sieht, genauso fotografieren?“ wurde ich neulich auf einer Gartenparty gefragt. Den Fragesteller trieb das Thema sichtlich um und da kam ihm ein Fotograf gerade recht. Ich fand die Frage überaus spannend und erklärte ihm, dass alles bereits vor dem eigentlichen Fotografieren beginnt, nämlich beim Sehen. Erst wenn man ein Motiv richtig sieht, versteht man auch, wie man es inszenieren kann, welche gestalterischen Mittel man wählt und wie man die Technik einsetzt. Also erst sehen und verstehen, dann fotografieren.
Ich konnte meinem Gegenüber ansehen, dass ihm meine Antwort zu abstrakt war und vertiefte meine Erklärung. Was wir zu sehen glauben, ist keine neutrale Abbildung der Wirklichkeit, sondern eine überarbeitete Version davon. Unser Gehirn wandelt die Informationen, die das Auge weiterleitet, in ein homogenes Bild um und setzt dabei allerlei Filter ein, mit denen das Gesehene individuell interpretiert wird. Um bewusst zu sehen, muss man diesen Automatismus unterbrechen. Man muss erkennen, was wirklich da ist, statt einfach hinzunehmen, was uns das Gehirn sonst unterschiebt. Genau darin liegt für mich der Unterschied zwischen passiver visueller Wahrnehmung und bewusstem Sehen. Um das greifbarer zu machen, erzählte ich ihm von meinen Fotoworkshops, wo ich das Gleiche immer wieder beobachtete. Zu ihrer Verwunderung bat ich die Teilnehmer stets, ihre Kamera zunächst zur Seite zu legen und die Stativbeine noch nicht auszufahren. Statt am Equipment herumzuschrauben, sollten sie die Location erst einmal ansehen und wahrnehmen, sie auf sich wirken lassen und dann überlegen, wie sie sie ablichten wollten. Im Verlauf der Workshopwoche entwickelte sich dadurch zusehends ein besseres Verständnis dessen, was man vor sich sah. Die Bilder entstanden im Kopf, noch bevor überhaupt fotografiert wurde und genau dadurch wurden auch die Fotografien besser.
Mein Gegenüber wollte wissen, ob man so etwas also lernen könne. Mit etwas Fleiß auf jeden Fall, erwiderte ich. Je länger man mit dieser Herangehensweise arbeitet, also sehen, verstehen, fotografieren, desto besser werden die Resultate. Mit der Zeit geht der Prozess in Fleisch und Blut über. Man nähert sich einer Location und erkennt sofort Formen oder Linien, mit denen man gestalterisch arbeiten kann. Man sieht Reflexionen oder Überschneidungen, die man eliminiert. Man nimmt auf einen Blick einen hohen Kontrastumfang wahr, den man mit Filtern ausgleicht. Durch das Verstehen des Gesehenen wird es immer einfacher, die richtigen Schlüsse für die Umsetzung eines Fotos zu ziehen.
Da mein Gesprächspartner sich wissbegierig zeigte, gab ich ihm noch einen Tipp mit auf den Weg. Unterstützend könnte er jede Gelegenheit nutzen, um Fotos zu beurteilen, ganz besonders natürlich die eigenen. Was ist an einem Bild gut, was ist schlecht, das fragt man sich am besten bei jedem Foto, das einem begegnet. Irgendwann verinnerlicht man diese Bildanalyse so sehr, dass man sie schon beim Sehen anwendet, noch bevor man überhaupt fotografiert. Man analysiert dabei ständig weiter, auch beim Blick durch den Sucher oder auf das Display, während eine Aufnahme entsteht. Ich erzählte ihm, wie ich durch eine intensive Bildbesprechung selbst zum Fan der Bildanalyse wurde. In Ballycastle saß ich vor einigen Jahren gemütlich mit einem Kunden zusammen und wir sahen uns rund eine Stunde lang jede einzelne Aufnahme an, die ich in dieser Woche für ihn produziert hatte. Das war von meiner Warte so nicht geplant, denn normalerweise werden Bilder vorselektiert, ehe sie ein Kunde zu Gesicht bekommt. Hier gingen wir auch Fotos durch, die es nie in eine Auswahl geschafft hätten und ich erhielt zu wirklich jedem einzelnen Bild ein Feedback. Mein Auftraggeber, ein sehr erfahrener Bildeinkäufer, sagte mir unverblümt, was er gut fand und was nicht. Es war viel Kritik dabei, aber was ich in dieser einen Stunde gelernt habe, war unbezahlbar. Seither ist die Bildanalyse mein ständiger Begleiter und diese Lektion gebe ich bis heute gerne weiter, so auch an diesem Nachmittag im Garten.
Mein Gesprächspartner nickte nachdenklich und blickte dann skeptisch auf die Wiese vor uns. Hinter der Hecke lugte nur das Nachbarhaus hervor. Kein Motiv, fand er. Ich hob meinen Zeigefinger, stieg wortlos aus meinem Liegestuhl und ging kurz im Garten umher. Einen Moment später winkte ich ihn zu mir herüber. Nur einige Schritte von unserem vorherigen Standpunkt hatten wir hier bunte Luftballons und Girlanden vor uns, dahinter leuchtende Blumen. Obwohl es derselbe Garten war, wirkte der Blick plötzlich anders als zuvor. Er zückte sein Handy, fotografierte genau von hier aus und war selbst überrascht vom Ergebnis. Fotos schienen ihn offenbar zu überzeugen und so zeigte ich ihm auf meinem Smartphone eine Aufnahme eines Waldes voller Bluebells bei Huntington Castle im irischen County Carlow. Hierbei erläuterte ich ihm die Entstehungsgeschichte der Aufnahme mit der Vorwarnung, dass es jetzt technisch werden würde. Das naheliegende Motiv wäre dort der blaue Blütenteppich gewesen und im ersten Moment war ich bei dem Anblick auch hin und weg. Isoliert betrachtet fehlte dem Bild in meiner Vorstellung aber die Tiefe, beziehungsweise ein visueller Anker. Als ich ein Stück weiterging, um die Szenerie auf mich wirken zu lassen, wurde mir bewusst, dass der Pfad, auf dem ich hergekommen war, mich überhaupt erst hierher gebracht hatte und damit selbst zum wichtigen Teil dessen wurde, was ich vor mir sah. Er bildete einen Fixpunkt innerhalb der Blütenpracht, führte als Linie ins Bild hinein und leitete die Blicke des Betrachters ins Bildzentrum. Um diesen Effekt tatsächlich einzufangen, entschied ich mich für eine längere Brennweite, die Vorder- und Hintergrund optisch zusammenrückt und verließ den eigentlichen Weg, um seinen Schwung besser abzubilden. Auch der Standpunkt war bewusst gewählt: hoch genug, um den Weg als führendes Element zu zeigen, aber tief genug, damit die Blüten als geschlossene Fläche zur Geltung kamen. Die Bluebells allein hätten sicher auch für sich gewirkt, doch erst durch diese Entscheidungen wurde aus dem ersten, noch unreflektierten Eindruck der Szenerie das Bild, das ich tatsächlich vor Augen hatte. Mein Gesprächspartner betrachtete das Foto eine Weile und nickte anerkennend. Er hatte nun gesehen und verstanden, wie sich mein „Sehen, Verstehen, Fotografieren“-Prinzip in der Praxis auswirkte. Ich bin schon gespannt auf die Aufnahmen, die er mir demnächst schicken wird.
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In meinem Blog nehme ich dich mit auf meine Reisen, berichte über Fotolocations und über meine Arbeit als Landschaftsfotograf.
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