Spirit Island im Maligne Lake
„Schaut jetzt unbedingt nach rechts. Da seht ihr die Hall of Gods“, rief unsere Kapitänin. Was für ein perfider Trick! Wer an Bord rechts statt Steuerbord sagt, der führt etwas im Schilde. Ich hätte es ahnen müssen. Der Blick nach rechts auf die Hall of Gods, die Halle der Götter, ist schlichtweg grandios. Die steil aufragenden Bergwände des Canyons rahmen den türkisfarbenen Maligne Lake ein und man versteht sofort, weshalb dessen Entdeckerin Mary Schäffer diesen Ausblick mit solch dramatischen Worten beschrieb. Doch links von uns lag Spirit Island. Um diese Insel zu sehen hatten wir bereits 45 Minuten auf dem Boot verbracht. Und jetzt wollte man uns so billig ablenken, um einen noch größeren Wow-Effekt zu schüren. Aber was soll ich sagen: Wow, wow, wow – sowohl zu Spirit Island als auch zur Hall of Gods.
Schon vor der Landung am Ufer des Maligne Lake wird man darauf hingewiesen, dass man nur 15 Minuten Zeit haben würde, ehe man zurück beim Boot sein sollte, um die Rückfahrt anzutreten. Ich hatte bereits bei der Organisation des Ausflugs davon gelesen, dass es nur ein kurzer Aufenthalt sein würde und mich an Bord entsprechend vorbereitet. So hatte ich beispielsweise einen Polfilter auf das 24-70-Objektiv aufgeschraubt, das NISI Filterset war mit einem ND-Filter bestückt und auch die Stativbeine waren bereits ausgefahren, noch bevor ich von Bord ging. Vom Ufer aus konnte ich so mehrere verschiedene Perspektiven fotografieren, hatte aber auch genug Zeit, die kleine Insel vor dieser gewaltigen Kulisse auf mich wirken zu lassen. Alles fügt sich hier so perfekt zusammen, dass man sich die Augen reiben muss, um sicherzugehen, dass man nicht träumt. Für mich persönlich ist dieses Panorama eine der faszinierendsten Landschaften, die ich je gesehen habe. Wenn ich irgendwann einmal eine Top 5 der schönsten Orte erstellen sollte, die ich je besucht habe, dann wird Spirit Island darunter sein. Ich denke, das wird sich auch nie ändern.
Für die Stoney Nakoda First Nation ist Spirit Island ein heiliger Ort und nur ihnen ist es erlaubt, die Insel zu betreten. In ihrer Sprache heißt sie „Githni-mi-Makoche“, was sich als „heilende Insel“ übersetzen lässt. Die Stoney Nakoda sehen in den umliegenden Berggipfeln die physischen Verkörperungen ihrer Vorfahren und die Insel diente über Generationen als Ort für Reflexion und Heilungszeremonien.

Bekanntheit erreichte die Insel durch eine Reklame von Kodak. Eine Aufnahme des Fotografen Peter Gales wurde von August bis September 1960 im Panoramaformat im New Yorker Grand Central Station in der Kodak Colorama Ausstellung gezeigt. Das sollte sich nicht nur als brillante Werbung für Kodak Filme erweisen – die Älteren werden sich erinnern – sondern schürte auch das Interesse an diesem abgelegenen Ort in den kanadischen Rocky Mountains. Anders als Peter Gales fotografierte ich digital und nicht mehr auf Film, den Weg in die Öffentlichkeit hat meine Aufnahme aber ebenfalls gefunden – als Titelmotiv des Kanada 2027 Sehnsuchtskalenders des Harenberg Verlags. Zu sehen ist darauf ein Boot, das um Spirit Island fährt. Wer jetzt darüber grübelt, ob ich es nicht rechtzeitig zur Rückfahrt geschafft oder mich gar versteckt habe, um länger bleiben zu können: Es war das Boot der vorherigen Tour, das ablegte, als wir ankamen.

Lage & Anfahrt
Im Jasper-Nationalpark in Alberta, Kanada. (Maps)
Fotomotive
Kleine Insel vor gewaltiger Bergkulisse.
Beste Zeit zum Fotografieren
Ideal ist ein Besuch am Spätnachmittag.
Eingesetzte Fotoausrüstung
Kamera, 14–24 mm für Panoramaaufnahme und 24–70 mm für Details, Polfilter, ND-Filter, Stativ.
Tipps für Fotografen
Plane deinen Besuch möglichst frühzeitig. Die Boote befahren den Maligne Lake nur von Mai bis Oktober und die Fahrten sind schnell ausgebucht.
Bereite deine Ausrüstung bereits auf der Bootsfahrt vor, um dann möglichst schnell fotografieren zu können. Der Aufenthalt bei Spirit Island ist nur sehr kurz.
Parken
Am Ende der Maligne Lake Road. (Maps)
Wegstrecke
Vom Parkplatz sind es rund 300 Meter zu den Bootanlegern. Bei der Insel sind es rund 150 Meter bis zum Aussichtspunkt.
Übernachten in der Nähe
In Jasper.
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